Das Wesen des Hundes erkennen

Wir lieben unsere Hunde und wollen nur das Beste für sie. Dazu gehört auch, ihr wahres Wesen und ihre tatsächlichen Bedürfnisse zu erkennen, statt ihr Verhalten auf menschliche Weise zu interpretieren. Der Mensch sollte für seinen Hund die Rolle eines kompetenten und fairen Rudelführers einnehmen.

Wenn es um das Thema Hundeerziehung geht, denkt man an gehorsame Hunde und damit auch an Kommandos wie «Bei Fuss», «Sitz», «Platz» und wie sie alle heissen. Die meisten Hunde beherrschen diese Kommandos problemlos und setzen sie um – allerdings oft nur dann, wenn sie Lust dazu haben. Das Grundproblem liegt nämlich nicht bei den Befehlen, sondern ganz woanders und es ist viel grundsätzlicher. Es geht um Respekt, Verständnis und Zuneigung. Nicht nur in der Beziehung zwischen Mensch und Hund, sondern auch in derjenigen unter Menschen und derjenigen unter Hunden. Unsere besten Freunde auf vier Beinen widerspiegeln uns, unsere Probleme und im Endeffekt sogar die Gesellschaft.

Ziele sind verloren gegangen
Lang war der Entwicklungsweg vom Wolf zum Hund als Kind- und Partnerersatz: Vor vielen tausend Jahren domestizierten wir den Hund und holten ihn in unsere Nähe. Er wurde in allen möglichen Bereichen des Lebens eingesetzt. Der Mensch wusste genau, für was er ihn brauchte und züchtete entsprechend. Es entstanden allerlei spezialisierte Rassen: Hunde für die Jagd, den Herdenschutz, den Viehtrieb und vieles mehr. Mit dieser klaren Aufgabe funktionierte das Zusammenleben wunderbar.
Heutzutage sind Hunde weniger unsere «Arbeitskollegen» als vielmehr Familienmitglied oder gar Familienersatz. Die Rolle des Hundes hat sich also grundsätzlich verändert. Während der Hund früher zum Beispiel die Kühe zur Weide und wieder zurück in den Stall getrieben hat, wartet er heute, bis Herrchen und Frauchen von der Arbeit nach Hause kommen. Einer der Hauptgründe für Missverständnisse und Ärger in der Mensch-Hund-Beziehung dürfte sein, dass die Menschen nicht mehr wissen, was sie vom Hund wollen, und es verpassen, ihm eine klare Aufgabe zu geben. «Entsprechend unkontrolliert verhalten sich die Hunde», weiss der deutsche Hundetrainer Can Gümüs. Das äussert sich in ungewünschtem Verhalten, dass über Schuhe anknabbern über schlecht hören bis hin zu beissen reichen kann. Can Gümüs kümmert sich um solche Hunde und resozialisiert sie. Immer wieder stellt der Hundeprofi fest, dass Hunde vermenschlicht werden. «Viele Halter haben Mühe damit, Hunde richtig zu lesen», erklärt er. «Sie versuchen, sie mit der menschlichen Psychologie zu deuten.» Und sie versuchen, Hunde auf menschliche Weise glücklich zu machen. Um einen Hund glücklich zu machen, muss man aber seine Bedürfnisse stillen, Essen und Trinken ist klar, Zuwendung auch. Aber er muss auch seine Energie loswerden können. Und das machen unterforderte Hunde schon mal, indem sie sich am Sofa gütlich tun. Das wiederum wird dann von Haltern mitunter als «undankbar» interpretiert.

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Can Gümüs – der Rudelführer – mit Chow Chow Pepper. (Tatjana Schnalzger)

Aufeinander zugehen lernen
Das Vermenschlichen von Hunden führt zu weiteren Problemen. Zum Beispiel im Umgang mit anderen Hunden. Dieses Thema wird von vielen Haltern als Hauptproblem wahrgenommen. Die Leute haben einerseits Angst davor, dass die fremden Hunde dem eigenen etwas antun könnten. Fast schlimmer noch ist aber gemäss Can Gümüs die Angst vor der Reaktion des eigenen Hundes auf andere. «Weil den meisten klar ist, dass gar kein Vertrauen existiert zwischen ihnen und ihren Hunden.» Weil die Menschen nicht einschätzen können wie die Hunde aufeinander reagieren, ziehen sie sich zurück. «Dadurch wird das Problem aber eigentlich verschärft», führt der Hundeprofi  weiter aus. «Genau dort beginnt das Problem: Die Hunde werden nicht sozial.» Das geht so weit, dass Can Gümüs «Problemhunden», die ihm zur Resozialisierung gebracht werden, beibringen muss, wie man sich artkonform kennenlernt. «Ja, genau», bestätigt er lachend, «ich muss ihnen beibringen, am Po des anderen Hundes zu schnüffeln und das Gleiche bei sich zu dulden.» «Vermenschlichte» Hunde setzen ihre Nase nicht mehr so ein wie sie sollten, sondern beurteilen ihr Gegenüber nach dem Äusseren, mit den Augen – Hundeerziehung als Spiegel der Gesellschaft.  «Man sollte sich nicht nur auf das Äussere seines Gegenübers konzentrieren, sonden mehr aufeinander zugehen und sich beschnüffeln. Das würde vieles einfacher machen – für Menschen und Hunde», ist «Rudelführer» Can Gümüs überzeugt. (jn)

Quelle: 04. Feb 2017 / 18:24 Liewo