Lernen, bestimmt zu führen

Viele Halter beissen sich bei der Hundeerziehung die Zähne aus. Mit Verständnis, Respekt und Vertrauen wird es viel einfacher.

Knapp zehn Hunde befinden sich im Vorgarten eines Hauses in Schaan. Mit ihnen ihre Herrchen und Frauchen. Während sich die einen Hunde an die anwesenden Menschen halten, sie beschnuppern oder sich von ihnen streicheln lassen, tollen andere herum oder bellen ein bisschen. Wieder andere schauen sich um und scheinen nicht recht zu wissen, was hier vor sich geht. Es handelt sich um einen Kurs des deutschen «Hundeflüsterers» Can Gümüs.

«Natürlich kann mein Hund  Pallino Sitz und Platz und all das», erklärt Sonja Winkler. «Aber es ist schwierig hier auf diesem Platz, mit all den anderen Hunden.» Tatsächlich seien «die anderen Hunde» das Hauptproblem der Hundehalter, die sich an ihn wenden, bestätigt Can Gümüs. «Etwas überspitzt formuliert haben bei uns in Deutschland die Hunde bei den Menschen bald mehr Rechte als die Kinder», erklärt er. «Bei den Leuten, welche sich Hunde ganz klar als Kind- oder Partnerersatz anschaffen, kann es problematisch werden, weil diese Menschen natürlich auch einen ganz anderen Bezug zum Tier haben», so der aus Bonn stammende Hundetrainer. Sie vermenschlichen ihre Tiere, kaufen ihnen allerlei Dinge wie Jäckchen oder teure Bettchen und weiteres Zubehör – Dinge, von denen sie glauben, dass diese die Hunde glücklich machen.

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Can Gümüs mit Hunden (Tatjana Schnalzger)

Teufelskreis durchbrechen
Oft fehlen in solchen Fällen Verständnis, Respekt und Vertrauen. Diese Personen sehen den Hund auf menschliche Art und meinen, der Hund denke und empfinde wie sie selbst. Ein Hund, der aber mit Liebe zugeschüttet und verhätschelt wird, kann dies als Schwäche deuten und den Respekt vor dem Herrchen oder Frauchen verlieren. Dann kommt es vor, dass er sich nicht mehr wie gewünscht verhält, was wiederum vom Menschen als undankbar interpretiert werden kann. Schliesslich geht das Vertrauen verloren – beim Halter, weil er nicht weiss, warum der Hund trotz all der Zuneigung nicht gehorcht, und beim Hund, weil niemand die Führungsrolle beansprucht und er sich darum kümmern muss. Ein Teufelkreis.
Zurück zum Fall des beigefarbenen Pallino. Sonja Winkler hat den 4-jährigen Labrador-Spitz-Mischling vor einem Jahr aus dem Tierheim geholt. Sie ist die mittlerweile 4. Halterin des kleinen Kerls. Eines seiner Probleme ist wohl sein süsses Aussehen. Es veranlasst nämlich Menschen dazu, ihn entzückt anzuschauen und ihn streicheln zu wollen. Das geht gar nicht, wie Sonja Winkler weiss: «Er hasst Augenkontakt und mag es überhaupt nicht, angefasst zu werden. Dann schnappt er zu, wenn man nicht aufpasst. Mit anderen Hunden hat er das gleiche Problem. Can Gümüs schätzt ihn als eher unsicheren und dominanten Hund ein, der mehr Führung und Halt braucht. «Sein aggressives Verhalten kommt auch daher, dass er nicht weiss, wie er mit all den Dingen umgehen soll», erklärt Can Gümüs. Seine Besitzerin gibt sich zwar alle Mühe, ihrem Pallino Sicherheit zu geben, weiss aber nur zu gut, was alles passieren kann. Mehr als einmal hat sie das miterlebt.

Auf Konfrontationskurs
Dann holt Can Gümüs die «coole» Chow-Chow-Dame Pepper in die muntere Hunde-Runde. Mit stoischer Ruhe nimmt sie es hin, von den anderen Hunden im Auslauf beschnuppert, angekläfft und umringt zu werden. Sie lässt die anderen Hunde gewähren und hält sich ganz an ihren Rudelführer Can Gümüs, der ihr durch seine Haltung und Energie Sicherheit vermittelt. Da macht es auch nichts, dass der cremefarbene Pallino sie «angiftelt», als sie ihm zu nahe kommt. Das grosse, schwarze Fellknäuel mit blauer Zunge wartet ab, was sein «Rudelführer» unternimmt. Can Gümüs, der Pallino an der Leine hält, korrigiert den Mischling mit einer Berührung an dessen Flanke. Diese Art von Berührungen sollen weder erschrecken noch Schmerzen verursachen. Das Ziel ist, den Hund aus seiner Fixierung auf etwas herauszuholen.

Körpersprache studieren 
Diese Massnahme allein reicht bei Pallino noch nicht aus. Er scheint immer noch sehr unsicher und angespannt zu sein. Zwar ist kein Bellen oder Zerren an der Leine zu sehen. Im Gegenteil: Der Hund sitzt scheinbar ruhig, die Leine liegt am Boden. Trotzdem ist das Problem noch nicht gelöst. Can Gümüs verweist auf die Körperhaltung des Hundes: Er macht Sitz. Die Schnauze ist geschlosen und eine Pfote angehoben. Wie der Fachmann den Anwesenden erklärt, sind das Zeichen von Anspannung und aktuell wäre jede Berührung kontraproduktiv. «Ich müsste damit rechnen, geschnappt zu werden.»
Während sich Can Gümüs auf  Pallino konzentriert, der immer noch still sitzt, tollen die anderen Hunde weiterhin umher. Nach kurzer Zeit kommt wieder einer der anderen Vierbeiner dem kleinen Mischling zu nahe. Als dieser abermals auf seine eigene, bissige Weise reagieren will, korrigiert der Hundeflüsterer ihn mit entsprechender Körperhaltung und einem Zischlaut, der ihn aus seiner Fixierung auf den anderen Hund herausreissen soll.
Bei genauer Beobachtung sieht man, dass Pallino plötzlich schnüffelt. Kurz darauf stellt er auch endlich seine Pfote ab. «Seht ihr, jetzt hat er seine Nase eingesetzt, wie ein richtiger Hund», erklärt Can Gümüs. Bisher habe er die anderen Hunde nur mit den Augen wahrgenommen und beurteilt. «Das hat er von uns Menschen gelernt», erklärt der Hundeflüsterer. Für den Moment ist das Problem gelöst, Pallino ist entspannt und friedlich. Für einen bleibenden Effekt muss er aber lernen, mit den anderen Hunden in «Hundesprache» zu kommunizieren. Ausserdem muss er lernen, gelassener auf Menschen zu reagieren, auch wenn sie in seinen persönlichen Raum eindringen.
Seine Besitzerin freut sich, dass ihr Schützling Fortschritte macht: «Can wird Pallino für einige Wochen mit nach Deutschland nehmen und ihn dort resozialisieren», sagt sie und fügt lachend hinzu: «Danach zeigt er dann mir, wie es funktioniert. Pallino und ich werden lernen, einander zu vertrauen.»

 Quelle: 04. Feb 2017 / 18:10 Liewo