Rudelführer und Hundeflüsterer

Can Gümüs ist mehr als ein Hundetrainer – wie sein amerikanisches Pendant Cesar Millan hilft er verzweifelten Hundebesitzern und resozialisiert verhaltensauffällige Hunde. Im Gespräch mit der «Liewo» erzählt er von seinen Erfahrungen als Hundeflüsterer.

Herr Gümüs, Sie sind Hundetrainer und bekannt als Deutschlands Hundeflüsterer. Weshalb haben Sie sich für diesen Beruf entschieden?
Can Gümüs: Na ja, eine Entscheidung war es damals nicht wirklich, sondern eher eine Zuflucht zu den Hunden – bei ihnen habe ich meinen Frieden gefunden. Mittlerweile beschäftige ich mich seit circa 20 Jahren mit den liebenswerten Vierbeinern. Ich habe kein Geheimrezept, aber sicher ist: alles, was ich weiss, verdanke ich meinen eigenen Hunden.

Mit welchen Problemen haben Hundebesitzer zu kämpfen, die Ihre Hilfe aufsuchen?
Oft kommen Besitzer mit ängstlichen, angespannten oder sogar aggressiven Hunden zu mir. Ich erkläre ihnen dann, dass ihre Hunde eine Aufgabe in ihrem Leben brauchen und nicht mit Zuneigung  überschüttet werden sollten. Denn diese können sie oftmals nicht kompensieren, weil es diese Art von Zusammenleben in ihrer Natur nicht gibt. Wenn Hunde vermenschlicht werden und die Emotionen ihrer Herrchen spüren, diese jedoch ganz anders wahrnehmen, wie wir meinen, kann dies zu Problemen führen.

Auf Ihrer Homepage steht: «Ich resozialisiere Hunde und trainiere Menschen, damit sie ein ausgeglichenes Rudel sind.» Wie erreichen Sie das?
In den häufigsten Fällen ist der Mensch der Auslöser des Problems. Daher bringe ich den Haltern zuerst die Psychologie des Hundes näher. So verstehen sie, was und wie ihr Liebling denkt. Die meisten Hundebesitzer verwenden menschliche Psychologie oder versuchen, bestimmte Techniken anzuwenden. Technik ist aber nur ein Werkzeug. Um mit einem Werkzeug umgehen zu können, muss ich wissen, warum ich das Werkzeug einsetze und was ich damit erreichen kann.

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Can Gümüs mit Hunden

Es gibt viele verschiedene Ansätze für das Hundetraining – inwiefern unterscheidet sich Ihr Ansatz von dem anderer Hundetrainer?
Ich verfolge das Prinzip des Rudelführers und arbeite nicht mit Techniken, die von Menschen erfunden wurden. Sozusagen trainiere ich die Hunde also nicht, sondern arbeite quasi mit ihrer Natur.

Was sollte ein Hundebesitzer über die Psychologie des Hundes wissen?
In erster Linie sollte er wissen, dass Hunde im Hier und Jetzt leben. Sie denken nicht, sie reagieren. Und sie kommunizieren ununterbrochen. Um die Psychologie des Hundes beeinflussen zu wollen, sollte man besonders auf seine Energie und Körperhaltung achten.

Was sind Ihrer Meinung nach die Pflichten eines Hundehalters?
Wenn man Hunde in seinen eigenen vier Wänden hält, sollte man dennoch ihre Natur respektieren. Man sollte darauf achten, dass sie ihre Energie abbauen können. Und sie sollten ein gesundes Rudel bilden können, in dem der Mensch die Rudelführerposition einnimmt. Man darf ausserdem nicht vergessen, dass der Hund ein Hund ist und nicht ein Menschenersatz. Das bedeutet aber nicht, dass der Hund weniger wert ist als der Mensch. Im Gegenteil: So erleichtert man ihm sein Leben.

Was macht einen Problemhund aus und wie wurde er dazu?
Wir bezeichnen Hunde als Problemhunde, sobald sie nicht in das Bild der Gesellschaft passen. Es kann ein Hund sein, der Angst vor seinem eigenen Schatten hat, der im Haus bellt oder der den Nachbarn auffressen möchte (lacht). Es sind meiner Ansicht nach Hunde mit Menschenproblemen.

Gibt es auch Problemhunde, denen Sie nicht helfen können?
Absolut. Auch ich komme manchmal an meine Grenzen. Solange es jedoch keine physischen Probleme sind, kann ich den Tieren in der Regel helfen. Erst wenn die Psyche von körperlichen Schmerzen beeinflusst wird, wird es schwierig. Aber auch Hunde haben Grenzen und es gibt solche, die so ein grosses Trauma erlitten haben, dass man sie nur bis zu einem gewissen Punkt resozialisieren kann. In all den Jahren musste ich noch nie jemandem sagen, dass die Einschläferung die Lösung des Problems ist. Mein Motto ist: Nach jedem Regen kommt immer wieder Sonnenschein. Also sollte man niemals aufgeben, denn die Hunde würden uns auch nie aufgeben. Niemals.

In den Medien liest man immer öfter über Hundeangriffe. Macht dies nur den Anschein oder hat die Anzahl verhaltensauffälliger Hunde in den letzten Jahren zugenommen?
Ob es mehr Angriffe gibt, kann ich so nicht bestätigen, da mir keine Zahlen bekannt sind. Aber ich kann bestätigen, dass Hunde immer schlechter erzogen werden.

In der Schweiz und in Liechten- stein ist es seit einigen Jahren Pflicht, einen sogenannten Hundeführerschein zu machen. Finden Sie das sinnvoll?
Theoretisch schon. Was ich jedoch schade finde, ist, dass man vieles, was man dort lernt, im Alltag nicht umsetzen kann. Oft wird etwas nachgestellt, was der Realität so nicht entspricht. Man kann schliesslich nicht alle Alltagsszenen künstlich nachstellen. Ich bin eher dafür, dass man den Hundebesitzer die Natur ihrer Schützlinge näherbringen sollte. Man kann den Umgang mit Hunden erleichtern, allein indem man weiss, was einen Rudelführer ausmacht. Ein Rudelführer sollte wissen, was die Natur seines Vierbeiners verlangt.

Sie werden nächste Woche in Liechtenstein zwei Seminare leiten. Für wen ist die Veranstaltung gedacht? Und was wird die Besucher erwarten?
Es ist bestimmt für jeden etwas dabei – für interessierte Hundehalter und solche, die tatsächlich einen Problemhund zu Hause haben. Wir werden viel über Hundepsychologie sprechen. Viele werden erstaunt sein, wenn sie sehen, wie schnell und einfach sie ihren Hund verändern können. Ich freue mich schon sehr darauf, meine Liechtensteiner und Schweizer Freunde zu treffen, denn die Arbeit mit ihnen fällt mir sehr leicht, weil sie alle so entspannt und locker sind (lächelt). (sbü)

 

Quelle: 13.7.2014 / 00:38 / lv – liewo